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Archiv der Kategorie Kurzgeschichte

Saure Milch

So, nachdem ich am Sonntag kommentarlos ein Gedicht in den Raum geworfen habe (wobei ich mich über Kommentare immer freue, ob positiv, ob negativ… ihr wisst schon, das ganze Programm), bin ich jetzt wieder mit Prosa da. Ich hab’s schon getwittert, ich hab eine Kurzgeschichte zum Vermailen; falls jemand sie gerne haben will, einfach schreien und die E-mail-Adresse da lassen. Und um die Neugierde zu erwecken oder auch zur Abschreckung, ein kurzer Ausschnitt aus der kurzen Geschichte:

Damit hat Monsieur nicht gerechnet: zwei karierte Koffer und so viele Lücken in den Regalen. Die saure Stille nach all dem Geschrei. Er hat sich immer vorgestellt, nach einer SMS in der Straßenbahn zu weinen und die Wohnung andächtig und anklagend vorzufinden. Er hat sich nicht vorgestellt, Belle beim Packen zu helfen. Er hat sich auch nicht vorgestellt, dass ausgerechnet Belle so viel weinen würde.

Es war doch lang. Monsieur erinnert sich an ein paar Jahre. Er erinnert sich gern, denn die Zeit war wie aus einem französischen Film ausgeschnittene Szenen, lose zusammengeklebt, mit welligen, feuchten Ecken. Das tut mir so leid, hat Belle gesagt und ein weißes Taschentuch mit Wimperntuscheschlieren in der Hand zerknüllt. Monsieur hat genickt und er hat sich ein bisschen gewundert. Er hat sich nicht vorgestellt, dass Belle sich in jemand anderen verlieben könnte. Vielleicht, weil er sich selbst nie vorstellen konnte, sich in jemand anderen zu verlieben. Er zieht ihr das Taschentuch aus der Hand, es ist ganz leicht und zittrig, und tupft ihr das Schwarz vom Gesicht. Du darfst mich jetzt aber nicht mehr küssen, sagt Belle.

Saure Milch (2. Überarbeitung, 18.05.2010); © Franziska Kurtz

Endlich hab ich mal wieder Beweise, dass ich jetzt tatsächlich wieder produktiver bin. Ich fühle mich so kreativ!

Buchmesse (17.10.) & An den Wassern

Gleich vorweg: ich hab mir gestern auf der Buchmesse meine drei Belegexemplare der Anthologie An den Wassern am Stand des Rhein-Mosel-Verlags abgeholt, und da steht es schwarz auf weiß: “la mer von Franziska Kurtz (1. Platz)”. Ich freu mich riesig! Jetzt muss ich nur noch irgendwie an meine Urkunde und meinen Preis kommen, weil die hätte ich schon auch gerne. Aus Bingen hab ich allerdings auf meine Mail hin immer noch nichts zurückbekommen, deshalb werde ich morgen mal versuchen anzurufen.

Wie sich jetzt schon alle denken konnten, heißt das, dass ich auf der Buchmesse war. (Ach nein!) Ich bin gestern doch relativ spontan hingefahren, um mich mit Denise aus dem Musicalforum zu treffen, was natürlich zu geballter Musicalfreakkonzentration führte (ja, wir sind schon zweit geballt). Wir waren in der China-Halle, in der Film-und-Media-Halle, dann noch in Halle 4.1 (wegen der Anthologie), die ich mir fälschlicherweise als Halle 3.4 gemerkt hatte :D, und dann haben wir uns Ben Becker angesehen. Beziehungsweise vielmehr angehört. Ab und zu habe ich einen Blick auf seinen schnieken Hut erhaschen können, aber insgesamt standen zu viele Leute vor uns, als dass wir ihn hätten sehen können. (Und Ausdauer-auf-den-Zehen-Steherin bin ich auch nicht.) Es war ganz witzig und sowieso toll, ihn mal zu “sehen”, ich mag ihn nämlich, seit ich ihn vor ein paar Jahren mal auf einer CD ein Gedicht habe lesen hören. Er hat aus seinem Kinderbuch Bruno oder Der Junge mit den grünen Haaren vorgelesen. Es klang echt süß. Wir wollten uns danach eigentlich auch noch ein Autogramm holen, aber der Herr Becker, der dank Bahn schon zu spät gekommen war, hatte auch im Nachhinein leider keine Zeit mehr.

Nachdem Denise mich verlassen hatte :/, ich aber noch ein wenig Zeit hatte, bis mein Zug kam, bin ich noch schnell in Halle 8.0, zu den internationalen Verlägen, wo ich mir eine Tüte besorgt habe (den ganzen Tag hab ich nach welchen Ausschau gehalten!) von London Book Fairs.

Im Zug habe ich mir dann erst mal meine eigene Geschichte zu Gemüte geführt - ja, ich wollte mal sehen, was der Lektor damit gemacht hatte. * Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem ich ein Rechtschreibprogramm habe drüberlaufen lassen, und es mir statt “du bist empfindlich, erwidert sie und stößt sich am pf.” Folgendes vorgeschlagen hat: “du bist empfindlich, erwidert sie und stößt sich am Kopf.”. Da hatte ich mich sogar noch mit meiner Mutter und Schwester darüber unterhalten, dass wahrscheinlich niemand so doof wäre, ernsthaft zu glauben, das gehöre so.

Ich blätterte also durch meine Geschichte, lese die Zeile und denke mir nur noch: “Oh doch.” Hätte ich nicht im Zug gesessen, hätte ich wohl laut geschrien.

* EDIT: Wen die Sache interessiert: der Lektor hat sich gemeldet (Kommentare) und bestätigt, dass nicht er der Missetäter ist, sondern wohl jemand nach ihm brav auf sein Rechtschreibprogramm gehört hat. Nur damit hier niemand zu Unrecht beschuldigt wird. :) So, und jetzt können wir weiter darüber lachen.

Ja, ich schreibe noch.

Obwohl ich glaube, es sieht in letzter Zeit so aus, als würde ich nur noch lesen. Mein Problem ist, dass ich ganz viel auf der Festplatte liegen habe, das in der Überarbeitungsphase ist - nur ich weiß nicht genau, wo ich ansetzen soll. Aber es gibt zum Glück noch nette Menschen, die sich die Mühe für Textkritik machen (danke, Nadja!), und außerdem gibt es auch Textstellen, in die ich mich selbst verliebt habe. Die hin und wieder zu lesen macht Spaß und wieder ein bisschen mehr Lust auf die Arbeit, die einem guten Text vorangeht. Und als Beweis, dass das Schreiben nicht tot ist, schenk ich euch eine.

“Ich glaub, ich sterbe, sage ich und Mira sagt, mach mal Mittag, Tillchen. Ich mag es nicht, wenn sie mich so nennt, denn das hat sie von meinen Eltern. Aber heute habe ich keine Lust zurückzuschlagen, obwohl sie auch etwas von ihren Eltern hat. Niemand nennt doch sein Kind Mirabelle, hat sie am Anfang gesagt, nenn mich Mira. Ich dachte nur, dass wohl doch jemand sein Kind Mirabelle nennt, und seitdem frage ich mich, ob Mira an einem Baum gewachsen ist, und stelle mir vor, wie eine schwielige Hand - so eine Hand wie Winzer mit Strohhüten sie haben - sie gepflückt und liebevoll in einen Korb gelegt hat. Und grade frage ich mich, weil ich Hunger habe, wie Mira wohl schmeckt, und wenn ich ihr in die Wange beißen würde, nicht fest, nur so, dass die Haut ein wenig aufbricht, ob das Fleisch darunter ganz weich und hellorange wäre.”

(Aus “Pflücken”, April 2009)

la mer

Dass ich wenig produktiv bin, ist eine Tatsache. Dass ich ungern zu mehreren Wettbewerben den gleichen Text einschicke, ist eine andere. Und die letzte für diesen Eintrag relevante ist, dass es momentan mehrere interessante Wettbewerbe gibt, die aber nicht zum Sankt-Nimmerlein-Tag laufen. Und deshalb heißt es für mich: produktiv werden.

Ich will es versuchen. Meine größten Feinde im Wettlauf mit der Zeit: meine Müdigkeit. Meine Faulheit. Das Internet. Aber Müdigkeit ist auch nicht immer schlecht, weil ich beim Einschlafen (oder zumindest bilde ich es mir ein) hin und wieder die besten Ideen habe. So ist la mer entstanden, bzw. die ersten Szenen, die ich gebraucht habe, um rundherum noch ein paar Dinge drapieren zu können, die das ganze zu einer Geschichte machen. Man nehme eine Themenvorgabe (”An den Wassern”) und einen Wettbewerb. Herausgekommen ist was, und nachdem ich es noch ein bisschen kritisch beäugt habe, werde ich es wahrscheinlich einschicken. Aber erst mal:

ich bin süßwasser, sagt sie. und fügt hinzu: du bist salzwasser. die meisten menschen zieht es zum meer. manchmal bricht akzent ihre worte, nur ganz leicht, wie ein stein im fluss, an dem sich das wasser kurz stößt, bevor es darüber hinweg fließt.

wenn ich müde bin, geht sie hinunter zum bach und wenn sie zurückkommt, hat sie die rocktaschen voller glattgeschliffener steine. ich habe sie geküsst, sagt sie und legt sie mir an die wange. manchmal sind sie noch feucht und sie fühlen sich an wie kühle finger auf der haut.

die küche ist überschwemmt, sage ich, ich habe nasse füße bekommen. du bist empfindlich, sagt sie und stößt sich am pf. ich trage ihr handtücher in die küche hinterher. sie steht barfuß im wasser und wackelt mit den zehen und ich bekomme große lust, ihre sommersprossen zu zählen. jetzt haben wir unseren eigenen see, sie grinst, dass ich die lücke in ihrer oberen zahnreihe sehe. bring mal mehr tücher.

ich habe immer angst vor alltag, denn alltag ist grautag. die schönen tage sind die steintage mit dem vom gras feuchten rücken und den tropfen, die von ihrer haut perlen, ohne dass die sommersprossen schlierig werden. ich bin gar nicht ausgewandert, sagt sie. nein, ich bin nur weitergeflossen.

(Aus la mer, Februar 2009)

So was fragt man nicht

Ganz am Ende des letzten Jahres, nach einer Einschlaf-Idee, vielen Stunden mit einem zickigen OpenOffice und einem frustrierten “Ich will dich jetzt aber doch in den PC hacken” hatte ich eine Kurzgeschichte mit dem Arbeitstitel “Dreadlocks”, die weder klüger war als ich, noch so wie ich sie mir vorgestellt hatte. Aber weil ich Janus nicht aufgeben wollte und die guten Ideen manchmal eben doch erst später kommen, habe ich ihn noch mal komplett überarbeitet, mehr als eine Seite Inhalt und damit hoffentlich auch ein bisschen mehr Tiefe reingepackt und hoffe einfach mal, dass der Text inzwischen klüger als die Autorin geworden ist.

Ob das die finale Fassung ist oder nicht, wird sich noch zeigen, aber hier schon mal eine Kostprobe.

Janus sagt, er sei Künstler. Ich denke, Saufen, Rauchen und zu wenig Schlaf allein machen noch keinen Künstler. Aber ich versuche, nicht laut zu denken, schließlich verkaufe ich nur Brötchen.

Was machst du, frage ich. Er hebt den Blick und sieht mich ein wenig schief an. Ich trinke mir Mut an, sagt er. Wofür, frage ich. Mach mal die Augen zu, sagt er und ich höre das Quietschen vom Kunstlederbezug seines Barhockers, dann spüre ich seine Lippen auf meinen. Dafür, sagt er und: jetzt hast du was zu erzählen. Was denn, frage ich, dass ich mit ‘nem besoffenen Penner geknutscht habe oder was. Er lacht und schüttet sich sein Bier über.

Wir sitzen am Küchentisch und spielen Karten. Herzbube. Dreadlocks, sagt Janus, das würde zu deiner Augenfarbe passen. Janus glaubt, jeder Künstler braucht eine Frau, die man malen kann und die Paula heißt oder Agnes. Ich mag meine Haare, sage ich. Ich auch, antwortet Janus, du bist schön. Dann beißt er sich auf die Unterlippe und wirft mir ärgerlich seine Karten in den Schoß. Ich sammle sie auf und mische neu.

Das mach ich gern, sagt Janus, als er den Wagenheber aus dem Kofferraum holt. Ich denke, dass er eigentlich schon viel zu betrunken ist, um meinen Reifen zu wechseln, aber er geht in die Hocke und grinst zu mir hoch. Dann kippt er auf einmal vornüber und stößt mit der Schläfe gegen das Autoblech. Ich mach das wirklich gern, sagt er. Er lacht und schüttelt den Kopf wie jemand, den man gerade mit einem Eimer kaltem Wasser übergossen hat.

(Aus So was fragt man nicht, Dezember 2008 & Januar 2009)

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